Wie Kinderwelten entstanden ist
Kinderwelten entstand als Initiative einer Gruppe von Pädagoginnen in Berlin-Kreuzberg: Es war Ende der 90er Jahre und wir waren auf der Suche nach fundierten und praktikablen pädagogischen Ansätzen in Kindertageseinrichtungen, um Auswege aus bestimmten Engführungen in der interkulturellen Theorie und Praxis zu finden. Eine kritische Sichtung ließ uns erkennen, dass manch gut gemeinte Absicht in „Sackgassen“ geführt hatte:
- Eine Zeitlang förderten wir die benachteiligten Ausländerkinder und nach 20 Jahren war der Förderbedarf nicht weniger, das Bild vom defizitären Immigrantenkind aber verbreiteter denn je.
- Wir wollten kulturelle Bereicherung für deutsche Kinder und stärkten damit ungewollt stereotype Bilder von den Anderen und ein Verständnis von Kultur als Nationalkultur der Anderen.
- Wir propagierten Offenheit und Toleranz - und entpolitisierten damit die interkulturelle Diskussion, in der nicht mehr gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtverhältnisse thematisiert wurden, sondern der Grad des Gewährens und Duldens von kulturellen Unterschieden.
- Wir waren überzeugt, dass bei Themen wie Rassismus und Diskriminierung auch jeder bei sich selbst anfangen müsste und konstatierten erstaunt, dass kokette Offenbarungen wie Seien wir ehrlich, wir alle sind irgendwie rassistisch! die Runde machten und folgenlos blieben.
In dieser Phase kritischer Selbstreflexion entdeckten wir den Anti-Bias-Ansatz aus Kalifornien. Uns faszinierte, dass es in diesem Ansatz gegen Einseitigkeiten und Diskriminierung nicht nur um den Umgang mit kulturellen und ethnischen Unterschieden geht, sondern um die gesellschaftliche Bewertung der Unterschiede nach Geschlecht, sozialem Status, Alter, Behinderung/ Beeinträchtigung, Hautfarbe, Sprache, Herkunft, sexueller Orientierung usw. und deren jeweilige Auswirkung auf das Leben von Menschen, insbesondere auf kleine Kinder. Uns überzeugte, dass die Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen nicht den Vorurteilen einzelner Individuen angelastet, sondern im Zusammenhang mit Institutioneller Diskriminierung gesehen wird, wonach die Bevorzugung oder Benachteiligung von Menschen in die gesellschaftlichen Strukturen und ihr Funktionieren eingelassen ist. Uns imponierte das Anti im Anti-Bias-Ansatz als Positionierung gegen Ideologien wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Monolingualismus, Homophobie usw., die alle die Überlegenheit einer bestimmten Gruppe über eine andere behaupten und dazu beitragen, dass Ungleichbehandlung gerechtfertigt wird. Uns leuchtete ein, dass der Anti-Bias-Ansatz in Kindertageseinrichtungen nur in einem Prozess der Praxisentwicklung realisiert werden kann. Und dass die Fachkräfte bei der Reflexion und Veränderung ihrer Praxis kontinuierliche und systematische Unterstützung brauchen.
Wir beantragten ein Projekt, um den Anti-Bias-Ansatz auf hiesige Verhältnisse zu übertragen. Die Trägerschaft durch das Institut für den Situationsansatz der Internationalen Akademie, die Leitung durch Dr. Christa Preissing und die Förderung durch die Bernard van Leer Foundation erwies sich als Glücksfall: In Kooperation mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg konnte in einem dreieinhalbjährigen Entwicklungsprojekt Kinderwelten der Anti-Bias-Approach adaptiert werden. Ab Januar 2000 bis zur Abschlusstagung im Sommer 2003 beteiligten sich vier Kreuzberger Kitas mit etwa 70 ErzieherInnen und LeiterInnen und über 600 Kindern und ihren Familien. Sie konzentrierten ihre vorurteilsbewusste Praxisentwicklung auf folgende Themen:
- Familienkulturen achten - auf Eltern zugehen
- Sprachenvielfalt hören, sehen und verstehen
- Eine Anti-Bias-Umgebung schaffen: Stereotype und Schablonen vermeiden
- Vielfalt ins Gespräch bringen mit Persona Dolls
- Bei Diskriminierung eingreifen: Werte zeigen und Position beziehen
- Kinderbücher für die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
- Die Kita vorurteilsbewusst leiten.
Das Projekt stieß auf großes öffentliches Interesse, was sich an den vielen Anfragen und der starken Resonanz auf Veranstaltungen und Veröffentlichungen zeigte. Die beginnende Vernetzung auf regionaler, nationaler wie auch auf europäischer Ebene war eine wichtige Folge der Kontakte und Kooperationen. Das Ergebnis des Projekts war 2003 ein praxiserprobtes Konzept „Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung“, als kreative Synthese von Situationsansatz, Anti-Bias-Approach und der Theorie Wechselseitiger Anerkennung. Die Darstellung des Ansatzes und Texte zur vorurteilsbewussten Praxis liegen seit September 2003 als Buch vor:
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